Junge Piraten entern PolitCamp
Letzten Samstag öffneten sich um acht Uhr die Tore zum RADIALSYSTEM V und das PolitCamp 2010 konnte beginnen. Wie es für ein Barcamp üblich ist, wurde das Programm größtenteils von den Besuchern bestimmt. Nachdem sich nach und nach die Räume füllten, begannen die Teilnehmer sich gegenseitig kennenzulernen. Bevor pünktlich um zehn Uhr die Sessionplanung begann, stellten sich die Organisatoren kurz vor und erzählten über das anstehende Wochenende. Für Samstag standen gleich zu Beginn sehr wichtige und interessante Themen wie Netzneutralität, Datenschutz, Online-Wahlkampf und Social Networks an. Besonders wichtig für die Jungen Piraten war auch die Diskussionsrunde zum Jugendmedienschutzsstaatsvertrag.
Hierbei ging es um die geplanten Änderungen zu besagtem Vertrag, die am 25. März von den Staatskanzleien der Länder beschlossen werden sollen. Auf dem Podium diskutierten Jürgen Ertelt (Sozial– und Medienpädagoge, Piratenpartei), Martin Stadelmaier (Leiter der Staatskanzlei Rheinland-Pfalz), Thomas Jarzombek (MdB, CDU), Constanze Kurz (Sprecherin des Chaos Computer Clubs) sowie Stephan Dreyer vom Hans-Bredow-Institut.
Obwohl sich während der Diskussion zwar die alten, standardisierten politischen Denkmuster abzeichneten, war es erfreulich, dass man einen Fortschritt im Denken des Podiums bemerken konnte. Dieses schien langsam zu begreifen, dass Jugendschutz nicht allein durch Technik umgesetzt werden kann. Staatssekretär Stadelmaier verteidigte dagegen vehement den von seiner Kanzlei federführend ausgearbeiteten Vertrag. Constanze Kurz klagte die mangelnde Transparenz in der Ausarbeitung der Änderungen an. Jugendorganisationen und Netzaktivisten wurden vor fast vollendete Tatsachen gestellt und hatten kaum Chancen, sich mit einzubringen. Herr Stadelmaier schloss – auf die Frage von Alvar Freude (AK Zensur) aus dem Publikum – Sperrverfügungen nicht explizit aus. Vor allem dies zeigt uns, dass das Thema Jugendschutz in den neuen Medien weiterhin aktuell bleiben wird.
Einige Junge Piraten wurden als „Vertreter der Jugend“ auf die Bühne gebeten, um ihre Surfgewohnheiten unter dem Gesichtspunkt „Eltern und Filter“ zu erklären. Für die Macher des Jugendmedienschutzstaatsvertrages eine herbe Niederlage: Es ist schliesslich keine Seltenheit, dass pro Stunde mehr als 100 Webseiten aufgerufen werden, und mit Sicherheit werden Eltern nach einem halben Tag genervt die Filtersoftware abschalten. Unter den Jungen Piraten auf dem Podium war auch Lukas Martini (15), der die Einladung in die Diskussionsrunde sehr begrüßte: „Die Initiative des Moderators, uns als junge Menschen in das Gespräch mit einzubeziehen, ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung“. Dies lässt hoffen, dass Themen, die die Jugend betreffen, in naher und hoffentlich auch ferner Zukunft direkt mit den Betroffenen besprochen werden. „Wir sind Jugendliche und verstehen andere Jugendliche viel besser. Es ist manchmal einfach schwerer für Ältere, sich in unsere Generation hineinzuversetzten. Daher ist es wichtig, dass gerade wir über die Themen, die uns betreffen, berichten und mitbestimmen“, äußerte sich der Junge Pirat Simon Marquardt (14).
Um diesen Punkt zu vertiefen, veranstalteten die beiden Jungen Piraten Alexander Schilling (16) und Susanne Graf (17) eine Session, die sich mit den Gefahren sozialer Netzwerke auseinandersetzte. In einer gemeinsamen Diskussion mit den rund 70 Zuhörern erarbeiteten sie Gefahren und diskutierten über Lösungsvorschläge. Die Ergebnisse wurden protokolliert und befinden sich im Wiki der Jungen Piraten. Außerdem wurde die Aktion der Jungen Piraten „Hol dir deine Daten zurück!“ vorgestellt, die anhand anschaulicher Beispiele über Probleme aufklärt, die sich aus einer zu freigiebigen Veröffentlichung persönlicher Informationen in sozialen Netzwerken ergeben können.
Die Diskussion zeigte sehr eindeutig, dass in der Politik Gespräche die Grundlage jeder Position und jedes Handelns sind. „Es war angenehm zu beobachten, wie sich verschiedene Altersgruppen und Mitglieder verschiedenster Parteien vernünftig und sachlich an der Diskussion beteiligten“, schildert Susanne Graf ihre Eindrücke. Wir hoffen, dass solche und ähnliche Diskussionen auch in Zukunft immer mehr Anklang finden werden.
Ein klares Fazit der Veranstaltung: Ohne Diskussionen funktioniert Politik nicht.
Da das Hauptaugenmerk des Camps auf Politik lag, scheuten viele Besucher nicht die Möglichkeit, Fragen und Gedanken, die ihnen auf dem Herzen lagen, direkt an die Politiker zu richten.
Auch außerhalb der Sessions wurde heiß diskutiert. Während der Mittagspause, vor und nach dem Programm, setzten sich Menschen mit verschiedenen Ansichten zusammen und wogen ihre Standpunkte und Argumente gegeneinander auf. Angenehm dabei war, dass ein gesundes Maß an Toleranz und die Würde des Anderen immer gewahrt wurden. Anders war dies allerdings auf der rege genutzten Twitterwall zu beobachten. Allein dieser Umstand zeigt uns, dass auch über vermeintlich unpersönliche Kommunikationskanäle soziale Verhaltensnormen beachtet werden sollten. Dennoch hielten sich die meisten Angriffe in Grenzen und über vieles konnte mit einem Lächeln hinweggesehen werden.
Ein großes Lob unsererseits geht sowohl an die Organisatoren des Camps, die diese großartige Idee verwirklicht haben, als auch an alle Anwesenden, denn solche Aktionen leben nunmal von den Menschen, die diese mitgestalten. Genau dieser dynamische Prozess schafft ein angenehmes, familiäres Klima, in dem versucht wird, nicht persönlich sondern sachlich zu diskutieren.
Was wäre ein Bericht allerdings ohne Kritik. Daher als Verbesserungsvorschlag zum einen, dass die Moderation in manchen Diskussionen stärker durchgreifen sollte, um eine gerechte Verteilung der Redezeit zu gewährleisten, und zum anderen, Veranstaltungen dieser Art nicht nur einmal im Jahr durchzuführen, sondern häufiger zu parteiübergreifenden Diskussionen anzuregen. Gerade das junge Publikum, das das PolitCamp erreichen wollte, würde sich überdies über humanere Getränkepreise auf dem Veranstaltungsgelände freuen.
Wir möchten uns herzlich bei den Organisatoren und Teilnehmern des PolitCamps bedanken und hoffen, bald wieder die Möglichkeit zu haben, ein Wochenende lang über Politik zu diskutieren und dabei vieles lernen zu können.



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Trackback: uberVU - social comments
Valentin Tomaschek am März 23rd, 2010 um 12:48
Schön das ihr teilgenommen und euch konstruktiv mit eingebracht habt. Vielen Dank und ich hoffe ihr kommt im nächsten Jahr wieder!
Sven Recker am März 23rd, 2010 um 12:58
Hallo,
tolle Beiträge von euch beim PC10. Kennt Ihr eigentlich das Buch: „Heranwachsen mit dem Social Web“ vom Vistas Verlag? Würde mich über einen Austausch freuen.
Bis zur PC11
Gruß
Sven
Stephan Urbach am März 23rd, 2010 um 13:01
Hallo Sven,
einen Austausch bekomsmt Du am besten in unserem Forum oder im IRC
http://forum.junge-piraten.de und #jupis auf irc.piratpartiet.se
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