Wer schützt uns vor den Jugendschützern?
Als die Jungen Piraten zu Beginn dieses Jahres in der Mainzer Staatskanzlei ihre Kritik an der geplanten Änderung des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages (JMStV-E) vortrugen, war der zuständige Staatssekretär Stadelmaier um Beschwichtigung bemüht. Zahlreiche Bedenken bezüglich der Umsetzbarkeit und Verhältnismäßigkeit der geplanten Maßnahmen würden sich spätestens mit Veröffentlichung der amtlichen Begründung der Vertragsnovelle erübrigen.
Die Begründung liegt nun, Monate später, endlich vor. Entwarnung kann jedoch keine gegeben werden. Vielmehr entspricht die Interpretation weitestgehend genau dem, was der Vertragstext befürchten ließ. Eine Entschärfung findet durch die Begründung nicht statt. Auf die umfassende Kritik der Zivilgesellschaft an dem Vertragswerk wurde nicht eingegangen.
Amoklauf als willkommener Anlass für repressive Gesetze
Bereits der allgemeine Teil der Begründung nimmt auf den Amoklauf von Winnenden Bezug:
„Zum anderen trägt die Novellierung dem auf den Amoklauf von Winnenden und Wendlingen zurückgehenden entsprechenden Auftrag der Ministerpräsidentenkonferenz vom 4. Juni 2009 Rechnung.“
Dem Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz ist kein Auftrag zu verschärften Jugendschutzregelungen im Internet zu entnehmen. Lediglich eine Förderung der Medienkompetenz, Begrenzung der Verfügbarkeit von Schusswaffen, bessere Ausbildung polizeilicher Kräfte zur Ermittlung im Internet und Hilfestellungen für Lehrkräfte sind dort zu finden, neben der berühmten Forderung nach einem Herstellungs– und Verbreitungsverbot von „Killerspielen“:
„[Die Ministerpräsidentenkonferenz] sieht es vor dem Hintergrund der neuerlichen Amoktat als erforderlich an, [...] für Spiele, bei denen ein wesentlicher Bestandteil der Spielhandlung die virtuelle Ausübung von wirklichkeitsnah dargestellten Tötungshandlungen oder anderen grausamen oder sonst unmenschlichen Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen ist (Killerspiele), ein ausdrückliches Herstellungs- und Verbreitungsverbot so schnell wie möglich umzusetzen,“
Dieser Passus, dem keinerlei Indizien für einen Zusammenhang zwischen Amokläufen und Computerspielen zu Grunde liegen (Studien, die keinerlei solchen Zusammenhang finden können, gibt es etwa hier und hier) lässt jedoch ebenfalls jeglichen Zusammenhang zum Inhalt des JMStV-E vermissen – es sei denn, das wahre Ziel der Kennzeichnungsauflagen für Online-Computerspiele läge darin, deren Verbreitung grundsätzlich einzudämmen.
Der Verweis auf Winnenden in der Begründung des JMStV-E ist klar als Panikmache zu werten. Dass Angst ein unglaublich schlechter Ratgeber für die Politik ist, wird durch die absurde Forderung der Ministerpräsidentenkonferenz eindrucksvoll belegt. Dass die Änderungen des JMStV einen Amoklauf wie in Winnenden in irgendeiner Form verhindern könnten, glauben wohl nicht einmal seine schärfsten Verfechter.
Amtliche Begründung geht von falschen Tatsachen aus
Die mit dem JMStV-E eingeführte Kennzeichnung von Webseiten wird als „neue Möglichkeit der Alterskennzeichnung für online-vertriebene Computerspiele“ angepriesen. Dabei wird verschwiegen, dass diese „neue Möglichkeit“ noch gar nicht gegeben, da technisch nicht umgesetzt ist. Kein Jugendschutzprogramm kann die geforderten Kennzeichnungen bislang auslesen.
Dennoch zwingt der JMStV jeden Betreiber einer Seite, egal ob es der Counterstrike-Clan oder der Nähtreff ist, seine Homepage dahingehend zu prüfen, ob sie eventuell jugendbeeinträchtigend sein könnte. Die vorzunehmende Kennzeichnung wird in der amtlichen Begründung als „nutzerfreundlich“ bezeichnet. Davon kann keine Rede sein – sowohl der Betreiber von Webseiten als auch deren Betrachter werden vor große Unsicherheiten gestellt.
Der AK Zensur hat bereits demonstriert, wie schwer die richtige Alterseinstufung von Webseiten für einen Laien sein kann. Webseitenbetreiber, die sich keinen Fachanwalt für Jugendschutz leisten können, sind also gehalten, ihre Seiten in vorauseilendem Gehorsam ab 18 einzustufen, um ihrer gesetzlichen Pflicht nachzukommen. Für Eltern, die den Jugendschutzfilter einsetzen (so er denn irgendwann einmal programmiert wird) bedeutet das, dass sie ständig zu Unrecht als „ab 18“ eingestufte oder nicht gekennzeichnete ausländische Webseiten manuell freischalten müssen. Wenn die 15jährige Tochter, die am Tag 100 verschiedene Webseiten ansurft (nach Rücksprache mit einigen Jungen Piraten eine konservative Schätzung), alle paar Minuten eine Website freigeschaltet haben will, wird das Jugendschutzprogramm wohl kaum lange auf dem Rechner verbleiben.
Was sind die wahren Beweggründe hinter dem JMStV-E?
Richtig perfide wird die amtliche Begründung, wenn sie von den positiven Nebeneffekten der Vertragsänderung spricht:
„Ferner werden durch den novellierten Jugendmedienschutz-Staatsvertrag durch konkretisierte gesetzliche Vorgaben neue Impulse für die Entwicklung und Verbreitung von Jugendschutzprogrammen gesetzt, um den Personen mit Erziehungsverantwortung baldmöglichst ein Instrument zum Schutz ihrer Kinder im Internet zur Verfügung zu stellen.“
Die Verpflichtung zur Einrichtung von Jugendschutzprogrammen soll also die Entwicklung von Jugendschutzprogrammen fördern, aha. Normalerweise wird ein Mittel erst geschaffen und getestet, bevor es zu einer gesetzlichen Notwendigkeit gemacht wird. Die alternativ zur Kennzeichnungspflicht vornehmbare Altersverifizierung auf Webseiten hat vermutlich auch den positiven Nebeneffekt, die Entwicklung und Einführung des elektronischen Personalausweises zu fördern. Ein Schelm, wer böses dabei denkt…
Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht
Die Jungen Piraten wollen nicht in einer Gesellschaft leben, in der man vor jedem Absenden eines Tweets oder eines Blogeintrags Angst davor haben muss, dass vermeintliche Jugendschützer gegen einen vorgehen können; einer Gesellschaft, in der sich nur noch wenige trauen, eine Homepage zu betreiben, weil sie die Gesetzeslage nicht mehr überblicken können. Die Auswüchse des Abmahnwesens im Internet zeigen jetzt schon, wie schwer es ist, bestehende Gesetze rechtssicher auf das vollkommen neuartige Medium Internet anzuwenden.
Der Schutz von Kindern und Jugendlichen ist ein wichtiges Gut. Deutschlands Jugenschutzsgesetze gehören bereits heute zu den schärfsten weltweit. Ein positiver Effekt dieser restriktiven Handhabung ist jedoch nicht zu erkennen. Es darf nicht die Aufgabe des Staates sein, bis zum 18. Lebensjahr dafür zu sorgen, dass Jugendliche von allen irgendwie bedenklichen Inhalten fern gehalten werden. Hier haben die Eltern das Recht und die Pflicht, ihren Kindern den Umgang mit Medien beizubringen, genauso, wie sie ihnen auch den Umgang mit dem Fahrrad im Straßenverkehr zeigen.
Das Internet ist kein Rundfunkmedium
Der gesamte missglückte Prozess um den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV) zeigt deutlich, dass die Vermischung von Rundfunk– und Internetregulierung nicht funktioniert. Die Natur des weltweiten Netzes ist eine völlig andere als die des Fernsehens oder Radios. Die etablierte Politik muss einsehen, dass das Internet kein Rundfunkmedium ist! Wo der Rundfunk regional ist, ist das Internet global, wo der Rundfunk ein geordnetes Programm bietet, hat das Internet eine nahezu unendliche Auswahl. Im Rundfunk dominieren Anbieter, die sich meist hauptberuflich mit ihrem Medium beschäftigen. Im Internet betreiben viele Privatleute Blogs, twittern oder haben eine Homepage für Ihren Verein erstellt – die Trennung von Anbieter und Rezipient ist Vergangenheit. Dies sind unvereinbare Gegensätze.
Die Jungen Piraten rufen vor diesem Hintergrund zu einer umfassenden Reform des Medienrechts auf. Es ist unabdingbar, dass die Politik der Realität mit offenen Augen entgegentritt. Jegliche Versuche, die Rundfunklogik auf das Internet zu übertragen, sind zum Scheitern verurteilt. Das Internet muss als die einzigartige Kommunikationsplattform verstanden werden, die es ist. Die Regulierung des Rundfunks ist von einem komplett anderen Standpunkt aus zu betrachten als die des Internets. Da das Internet keine Ländergrenzen kennt, ist eine Ansiedlung der Gesetzgebungskompetenz auf Länderebene ein katastrophaler Fehler. Es ist an der Zeit, diesen Irrweg der deutschen Netzpolitik zu beenden und endlich den Fakten Rechnung zu tragen:
Das Internet ist in der Medienwelt angekommen. Wann kommt die Politik im Internet an?



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Uwe K. am Juli 1st, 2010 um 16:48
Hallo,
guter Beitrag! Leider habe ich die Befürchtung, dass sich erst etwas ändern wird wenn eine komplett neue Politikergeneration an die Macht kommt, leider wird dies sicher noch 20–40 Jahre dauern. Es ist leider erwiesen, dass die wenigsten auch nur die geringste Ahnung haben vom Internet, geschweige denn es aktiv verwenden, abgesehen vielleicht mal von E-Mails. Dazu kommt, dass viele Politiker bzw. allgemein leute an den hebeln der Macht Angst vor informierten Leuten haben. Denn durch das Internet kann man sich jederzeit Hintergrundinfos sehr leicht besorgen und PR-Kampagnen z.B. von Ulla Schmidt und Ursula von der Leyen werden schneller aufgedeckt, als sonst üblich. Diese politik wird auch weiterhin Erfolg haben, da unsere gesellschaft rapide Altert und jetzt schon ein großteil der Bevölkerung 50+ ist, die meist wenig mit dem Internet anfangen können und lieber das Fernsehen und Zeitung als Infoquelle verwenden, auch wenn die stark selektiv sind.
Gorn am Juli 1st, 2010 um 17:58
Ich sags ja immer, jetzt da das Internet von dem abartigen „Jugendschutz“ in D betroffen ist, gibts großes Geschrei. Solange nur wir Filmfans die Leidtragenden und filmische Meisterwerke wie z.B. „Dead Ringers“ ungeschnitten ewig nur in Englisch verfügbar waren oder man manche Filme auch im englischen Original uncut nur mühsam über ausländische Händler bekommt, da hats keinen interessiert.
Ich frage mich bei dem Ganzen eben nicht nur, wann kommt die Politik im Internet an, sondern vor allem, wann behandeln deutsche Politiker uns Erwachsene endlich als mündige Menschen? Ich würde mir von euch Piraten wünschen, daß ihr dieses Thema aufgreift und den ganzen Jugendschutzsumpf endlich trockenlegt, nicht nur den Ableger Internetzensur.
Gheed am Juli 1st, 2010 um 18:23
Die ganze Jugenschutzthematik ist in Deutschland ja schon seit Jahren ein Problem. Dieser wird oft dazu missbraucht die Moralvorstellungen einzelner Interessengruppen durchzusetzen und vor allem auch Erwachsenen den Zugang zu „Erwachsenenmedien“ zu erschweren. Die gleiche Thematik haben wir ja im Bereich der Computerspiele auch.
Und ja, auch meiner Meinung nach sollten die Piraten hier stärker Position beziehen.
Raven am Juli 2nd, 2010 um 01:17
@Gheed: Ich halte es für unmöglich, den s. g. Jugendschutz überhaupt zu „missbrauchen“. Die Gesetzgebung zu dieser Thematik stärkt ja eh niemals die Rechte von Minderjährigen gegen Dinge, die diese als schädlich empfinden, sondern sollen immer nur entmündigen und gesellschaftliche Vorstellungen aufoktruieren. Man muss den Begriff wohl eher als „Schutz der Gesellschaft vor Jugendlichen“ verstehen denn umgekehrt. Meiner Meinung nach ist „Jugendschutz“ per se für Jugendliche schädlich.
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Donald am Juli 2nd, 2010 um 09:24
Das wir uns zu Wehr setzen, ist wichtig und auch gut. Ich befürworte daher euer Handeln und stehe auf eurer Seite. Allerdings sind wir zu wenige, um den von oben beschlossenen repressiven Überwachungsstaat noch zu verhindern. Und mit „von oben beschlossen“ meine ich nicht unsere achso demokratischen Regierungen, sondern die Clans und Gruppen, deren Willen die Marionettenregierungen ausführen.
Senficon am Juli 2nd, 2010 um 09:43
@Raven: Sonnenschutz schützt uns vor der Sonne, Jugendschutz vor der Jugend? Interessanter Ansatz…
Ingobarn am Juli 2nd, 2010 um 18:42
Sehr gut, dass sich die Piraten auch in diese Richtung engangieren. Die Bevormundung und Zensur über den sog. „Jugendschutz“ ist imho allgemein ein sehr piratiges Thema…
Ein Mensch am Juli 4th, 2010 um 22:00
Sauber recherchiert. Kern getroffen. Gefällt. Lob!
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Michael G. am Dezember 15th, 2010 um 05:43
Das Gesetz ist auch so Verwirrend das keiner mehr durchblickt. Ich finde auch keine Informationen wie sich das ganze Verhält wenn man eine Spiele Clan seite Unterhält.…..
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r.bingener am April 1st, 2011 um 17:21
Ihr habt echt nichts wichtigers zu tun als euch über sowas aufzuregen?
Mein Lob habt ihr.
Gute Partei, euch wähl ich bestömmt!
euch kann man nur en ganz großes schild vor den kopf halten, auf dem steht: UNVERSTÄNDNIS
Das gleiche schild wird dann auch noh für die CDU gebraucht, also auch in eurem Interesse.