Spiele töten keine Menschen
Die Toleranz behielt nicht lange die Oberhand: Noch kurz vor Weihnachten des letzten Jahres hatte das Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden (auch bekannt als Stiftung gegen Gewalt an Schulen) zusammen mit dem VDVC (Verband für Deutschlands Video– und Computerspieler) verkündet, von einem allgemeinen Verbot für PC– und Videospiele, die die Darstellung von Gewalt beinhalten, abzurücken.
Davon kann nun keine Rede mehr sein: In einem offiziellen Appell an den Bundestag fordert das Aktionsbündnis ein generelles „Verbot von Killerspielen, die dazu dienen, virtuell Menschen zu ermorden“.
Jegliche Hoffnungen, dass dieses Aktionsbündnis, das ein an sich wichtiges Ziel verfolgt, sich nicht von Pseudo-Kausalitäten täuschen lässt, sondern tatsachenorientiert arbeitet, sind damit zunichte. In der Tat sind direkte Beziehungen zwischen Computerspielen mit Gewaltinhalten und Gewalttaten in der Realität nicht herzustellen. Es ist absurd, sich vorzustellen, dass „First Person Shooter“ etwas anderes trainieren als bestenfalls Reaktion und Hand-Augen-Koordination. Die Idee, dass damit das Töten von Menschen oder auch nur der Umgang mit der Waffe trainiert werden könnte, entbehrt jeder Grundlage.
Diese Erkenntnis musste unlängst die US-Armee machen, die in einem Bericht zu dem Schluss kam, übermäßiger Konsum von Computerspielen setze die körperlichen Fähigkeiten im Umgang mit der Waffe maßgeblich herab. Inhalte ganzer Lehrgänge müssten umgestellt werden, um sich den neuen Gegebenheiten anzupassen.
Das Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden hat von diesen Tatsachen offenbar noch keine Kenntnis genommen. Sie führen weiterhin Computerspiele mit Gewaltinhalten als teilkausal für Amokläufe an und setzen sich nicht mit der Realität auseinander, dass nicht Computerspiele es sind, die Aggressionen hervorrufen und fördern, sondern ein ausgrenzendes soziales Umfeld und menschliche Vereinsamung. Diese Symptome können nicht mit Verboten von Kulturgütern bekämpft werden. Vielmehr muss die Betreuung von Schülerinnen und Schülern im Vordergrund stehen, die Maschen des sozialen Netzes enger geflochten werden, damit Jugendliche erst gar nicht in die Situation kommen, einen Amoklauf als letzten Ausweg ihrer Hilflosigkeit zu sehen.
Natürlich ist jeder einzelne Amoklauf unsagbar schlimm. Aber wenn ein Mensch psychisch so krank ist, dass er die Grenzen zwischen Realität und Fiktion nicht mehr wahrnehmen kann, dann ist ihm nicht durch den aussichtslosen Versuch zu helfen, ihn von jeglichen fiktiven Inhalten fernzuhalten. Ein Verbot der Fiktion ist nicht nur sinnlos, sondern auch unmöglich – darüber hinaus schadet es allen anderen Mitgliedern der Gesellschaft. Die Nachahmung fiktiver Gewalttaten ist immer nur ein Ventil, das Fehlen eines Vorbilds verhindert nicht den Gewaltausbruch.
Das Aktionsbündnis schlägt hier einen gefährlichen Weg ein. Die Kriminalisierung von großen Teilen der Jugend trägt nicht dazu bei, sie für ein soziales Miteinander zu sensibilisieren. Im Gegenteil muss die Medienkompetenz von Jugendlichen gefördert werden. Anstatt Computerspiele zu dämonisieren, muss ein verantwortungsvoller Umgang stattfinden, die Grenzen zwischen Realität und Fiktion eindeutig gezogen werden. Allen Beteiligten muss klar sein, dass es eben nur ein Spiel ist und mit dem Verhalten in der Realität nichts zu tun hat. Im Gegensatz zu so manchen selbsternannten Jugendschützern ist diese Einstellung in den Köpfen der meisten Computerspieler auch tief verankert.
Es bleibt zu hoffen, dass das Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden zu der Einsicht kommt, dass es seinen Zielen durch die Forderung nach einem allgemeinen Verbot mehr schadet als nützt. Die Verhinderung weiterer Amokläufe, ob an Schulen oder anderswo, ist eine wichtige Aufgabe und es ist gut, dass ein so engagiertes Bündnis aus Eltern sich dieser Aufgabe annimmt. Solange aber die Entmündigung von Jugendlichen und nicht deren Erziehung zum erwachsenen und selbstbestimmten Menschen im Vordergrund der Bestrebungen stehen, trägt das Bündnis nichts zur Lösung des Problems bei.
– Gastbeitrag von Simon G., Junger Pirat aus Berlin
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blubb am Juli 6th, 2010 um 12:06
Also ich persönlich finde ja nicht, dass der Artikel über die US-Armee die Aussagen danach stützt.
Da gehts doch eher darum, dass die combat-Fähigkeiten, grade Nahkampf, gesunken seien, während der Umgang mit Waffen und Technik besser geworden sei. Und es wird auch kaum auf Computerspiele abgehoben, sondern auf die ganze Generation, die softer geworden sein soll.
Die Schlussfolgerung müsste dann eher sein, dass die Generation generell friedlicher geworden ist, weil die Aggressionen sich in die Computerspiele verlagert hätten. Aber insgesamt find ich den verwendeten Artikel als Beleg nicht so toll.
macdoerp am Juli 6th, 2010 um 12:59
Wisst Ihr eigentlich, wen Ihr da zitiert? „Guns don’t kill people, people kill people“ ist ein zynischer Slogan der NRA in Amerika. Mit diesen Federn solltet Ihr Euch nicht schmücken. Den Geruch kriegt ihr nicht mehr weg.
„Gaming is not a crime“ ist da tausendmal besser.
Babel-2 am Juli 6th, 2010 um 13:19
*ironiemodus*
Ich finde ja, dass das Problem schon viel früher entsteht, daher bin ich dafür, dass wir sämtliches Spielzeug mit Waffen aus Kinderzimmern entfernen: z.B. Lego-Ritter, Lego-Weltraum, das gleiche gilt natürlich auch für Playmobil. Ach, da sind schon zwei Generationen vor uns mit aufgewachsen? Da sieht man mal, dass die alle psychische Schäden davon getragen haben und da dringend was gegen getan werden muss, schließlich sind das die Generationen die jetzt diese Verbote fordern.
Super Sache! Wenn wir schon dabei sind dann verbieten wir auch gleich sämtliche anderen Sachen die sich auf diese Art mit Gewalt assoziieren lassen: Das Sportschießen mit Gewehr, Bogen & Armbrust, den Biathlon, sämtliche Kampfsportarten, den Handel mit Militaria-Artikeln aller Art inklusive Plastiksoldaten. Bonsai schneiden ist auch ganz übel, die armen Bäumchen werden mit Scheren beschnitten und in Form gequält…
*ironiemodusaus*
Sven am Juli 6th, 2010 um 13:56
wir können doch gleich alles verbieten. dann muss sich auch niemand mehr über irgendwas gedanken machen: ist eh verboten. und mündige menschen, die denken und entscheidungen treffen können, braucht man dann auch nicht mehr. ist auch besser, die lassen sich nämlich nicht so gut kontrollieren und wollen ständig ihr eigenes ding durchziehen. das leben ist dann vielleicht ein bisschen fad, aber auf jeden fall sicherer — und das wollen wir doch alle.
persilschein am Juli 6th, 2010 um 14:26
Religiöse Gutmenschen, sonst nichts.
Faschismus in einer getarnten form: „Wir wollen alle daß sie sich unserem Willen unterordnen. Wir finden killerspiele gehören weg, also müßt ihr es auch tun!“.
Religion ist auch Intoleranz gegenüber anderen Ideoligien und der Freiheit des anderen.
Zur Not werden diese leute so fanatisch werden, wenn sie es nicht durchsetzen können, daß sie sogar andere dafür töten würden, wenn sie dem Verbot von killerspielen nicht zustimmen würden.
Religion ist Faschismus und Faschismus fordert jeden zu töten, welcher nicht der selben Meinung ist.
Diese Fanatiker denken sie machen die Welt besser indem sie anderen ihren Willen aufdrücken? doch genau das Gegenteil passiert. Im Namen des „Guten“ wurden schon viele Verbrechen begangen. Es beginnt mit intoleranz gegenüber der Freiheit des anderen.
Amen!
Senficon am Juli 6th, 2010 um 14:49
@macdoerp: Der Bergleich zur NRA hinkt, weil die Waffen im Gegensatz zu Computerspielen ja ein Tatwerkzeug darstellen. Nur, weil eine Organisation einmal ein fragwürdiges Argument gebracht hat, heißt das nicht, dass man in anderem Kontext ein besseres, ähnliches Argument nicht mehr verwenden soll. Um ein Zitat handelt es sich bei dem Titel nicht.
y2j911 am Juli 6th, 2010 um 16:37
Super. Das war nahezu die einzige Organisation, die sich mit Amokläufen beschäftigt und auch mal Fakten betrachtet hat. Das ist jetzt wohl vorbei…Heute sind es „Killerspiele“ morgen sind es Filme und übermorgen ist es unsere Meinung. Wenn dieser Aktionismus so weitergeführt wird dann dauert es nicht mehr lange, bis alles verboten wird.
Revenant am Juli 6th, 2010 um 18:41
Diese Leute vom Aktionsbündnis sind erstens befangen, weil selbst betroffen. Zweitens sind sie der Propaganda aufgesessen, wie etablierte Parteien,Zeitungen usw sie verbreiten. Zugegeben, wer Angehörige verliert, wird für sowas extrem anfällig. Nur, wer selbst spielt wird niemals derart falsch handeln wie dieses jämmerliche Aktionsbündnis. Der Beitrag von persilschein über Faschismus faßt das ganz gut in Worte. Leute ohne Ahnung können Realität nicht von Fiktion trennen. Die wissen bestimmt nicht einmal, wo man einen Computer einschaltet. Ausgerechnet solche Faschisten maßen sich an, darüber urteilen zu wollen.
Ich glaube in der Tat, daß erst unsere Generation, die mit Spielen aufgewachsen ist und alle Nachfolgenden überhaupt wahrhaft beurteilen kann, was Spiele sind und wie sie wirken. Unsere Elterngeneration wird es nie verstehen. Hoffnungslos. Da sind wir selbst gefordert.
Flodda am Juli 6th, 2010 um 22:45
Genau, stimme Revenant vollkommen zu, denke es ist mit dem Verständnis des Computerspiel-Hypes genauso wie mit z.B. den Beatles, von unserer Generation versteht das doch keiner mehr warum da alle so ausgeflippt sind, das war halt deren Generation, genauso wenig kann die vorige Generation die Begeisterungen unserer Generation für Computer usw. verstehen. Natürlich sehen die dann nur das schlechte daran und suchen da die Schuld für diverse gesellschaftliche Probleme… aber genauso hat es die Generation davor mit den Beatles oder Rock’n Roll usw. getan…
Oder Horrorfilmen oder Horrorromanen oder Pornographie oder Comics, ich denke die Liste liese sich ewig fortsetzen…
In 10 oder 20 Jahren werden wir wahrscheinlich genauso sein ^^
Jens am Juli 8th, 2010 um 15:14
@blubb:
Der Artikel sagt zwar, dass der Umgang mit Technik besser beherrscht wird — aber er sagt nichts über Waffen aus.
Das deckt sich auch mit meiner Erfahrung: mein Jahrgang hatte ja noch das Erlebnis, dank Wehrpflicht tatsächlich mal ein Schnellfeuergewehr in der Hand gehabt zu habe. Als Panzergrenadier habe ich sogar so ziemlich alles mal in der Hand gehabt und abgefeuert.
Bei keiner Waffe, von der Pistole über die Uzi bis zur Panzerfaust, haben mir meine FPS-„Erfahrungen“ in irgendeiner Weise geholfen.
Es gab nur eine Ausnahme und das war die 20mm Autokanone des Schützenpanzers. Solange also der Durchschnitts-Teenager nicht an einen Panzer kommt, spricht nichts gegen First Person Shooter…
fritz am Juli 14th, 2010 um 17:25
Studie zeigt: Gewalt in Spielen ist gut für uns:
http://www.gamepro.com/article/news/215790/academic-study-says-violent-games-reduce-stress/
oder
http://11k2.wordpress.com/2010/07/14/studie-gewalt-in-spielen-baut-stress-ab/
Andreas Bühler am Juli 25th, 2010 um 02:06
In dem Artikel wird erwähnt, Zitat: „Es ist absurd, sich vorzustellen, dass First Person Shooter etwas anderes trainieren als bestenfalls Reaktion und Hand-Augen-Koordination. Die Idee, dass damit das Töten von Menschen oder auch nur der Umgang mit der Waffe trainiert werden könnte, entbehrt jeder Grundlage.“ (Zitat Ende)
Tja, das Problem ist aber leider, dass die School-Shooter von Erfurt, Emsdetten und Winnenden eine Art „Duales-Training“ durchgeführt haben, also Umgang mit Waffen UND mit FPS. Und dabei könnte wohl durchaus eine Art Synergie-Effekt entstehen!
In der Zeitschrift „Polizei & Wissenschaft“ (Ausgabe 3/2003) steht in dem Artikel „Schießen lernen mit Computerspielen“ zu dieser Thematik wie folgt, Zitat:
„In den Medien werden Berichte verbreitet, die suggerieren, dass durch den häufigen Gebrauch von so genannten Ego-Shooter-Spielen am Computer sowohl die Schießhemmung abgelegt werden kann als auch das Schießen generell erlernt werden kann. In dieser Untersuchung wird letzterer Aspekt beleuchtet. Untersucht werden 103 PolizeianfängerInnen. (…) Probanden, die Erfahrungen mit Ego-Shooter-Spielen haben, zeigen bessere reale Schießleistungen als Probanden ohne solche Spielpraxis. (…) Diskutiert wird, inwieweit kommerzielle Computerspiele als Modul in die Schießausbildung von PolizeianfängerInnen Eingang finden können.“
http://www.polizeiundwissenschaft-online.de/sites/ausgaben/2003details/2003_3_1.html
Dr. Matthias Bopp, Mitherausgeber des Buches „Shooter: Eine multidisziplinäre Einführung“ erklärte in einem Artikel der Stuttgarter Nachrichten von diesem Monat auf die Frage „Für wie gefährlich halten Sie Ego-Shooter tatsächlich?“ wie folgt, Zitat:
„Bei uns in Deutschland erschwert der Staat den Zugang zu Waffen. In den USA können Jugendliche wesentlich einfacher an Waffen kommen. Deshalb ist für sie der Transfer der in Ego-Shootern erlernten Techniken viel einfacher.“
http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.killerpiele-es-wird-ueber-das-falsche-diskutiert.2b746ed8-1c28-4d9e-9019-7d2e2086f11d.html?page=2
A. Bühler
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