Update 1. August:
Inzwi­schen hat der BIU (Bun­des­ver­band Inter­ak­tive Unter­hal­tungs­soft­ware e.V.) die ursprüng­li­che Aus­sage der Koeln­messe rela­ti­viert. So ist nicht mehr von einem pau­scha­len kon­zep­tio­nel­len Aus­schluss die Rede, viel­mehr bestehe unter bestimm­ten Umstän­den auch für poli­ti­sche Jugend­ver­bände die Option einer Teil­nahme als Aus­stel­ler.
Ruth Lem­men, Refe­ren­tin Medi­en­kom­pe­tenz beim BIU dazu:

„Die Koeln­messe hat ent­schie­den, dass poli­ti­sche Par­teien keine Aus­stel­ler der games­com sein kön­nen, da die games­com keine poli­ti­sche Ver­an­stal­tung ist. Poli­ti­sche Jugend­or­ga­ni­sa­tio­nen kön­nen aber gene­rell Aus­stel­ler der games­com sein, wenn sicher­ge­stellt ist, dass nicht die poli­ti­sche Wil­lens­bil­dung und Wer­bung für eine poli­ti­sche Par­tei im Vor­der­grund der Prä­senz steht, son­dern Jugend­ar­beit mit Bezug auf Com­pu­ter– und Videospiele.“

Für das im Juni vor­ge­stellte Mes­se­kon­zept von Pirate Gaming gibt es damit dann auch noch einen Hoff­nungs­schim­mer. Ob sich in der Kürze der Zeit nun aber ein Stand tat­säch­lich rea­li­sie­ren lässt, ist frag­lich. Wir hal­ten euch auf den Laufenden!


Das letzt­jäh­rige Debut der games­com in Köln war nicht nur aus Veranstalter-Sicht ein Erfolg. Die Messe kam zu einem idea­len Zeit­punkt, um ein öffent­li­ches Gegen­ge­wicht zur „Killerspiel-Debatte“ zu eta­blie­ren. Neben dem poli­ti­schen Bil­dungs­an­ge­bot des games­com con­gress such­ten auch die Jugend­or­ga­ni­sa­tio­nen der Par­teien das direkte Gespräch mit den Gamern. Das wird sich in die­sem Jahr jedoch ändern.

ESL Tribüne
ESL Tribüne

Die deut­sche Gamer-Szene durch­lebte 2009 ein tur­bu­len­tes Jahr. Wie schon in Jah­ren zuvor wur­den Ver­tre­ter poli­ti­scher und gesell­schaft­li­cher Orga­ni­sa­tio­nen nicht müde, das Thema „Kil­ler­spiele“ in den Medien zu hal­ten. Dabei muss­ten Action­s­piele als Sün­den­bock für Jugend­ge­walt und Amok­läufe her­hal­ten, selbst Rol­len­spiele wie World of War­craft wur­den plötz­lich als Kil­ler­spiele bezeich­net. Die Stig­ma­ti­sie­rung einer gan­zen Jugend­kul­tur gip­felte darin, dass in meh­re­ren Städ­ten die seit jeher fried­li­chen Sport-Events der Intel Fri­day Night Games abge­sagt wur­den. Dies geschah jedoch kei­nes­wegs frei­wil­lig: Obwohl die­ser Event bei Hal­len­be­trei­bern gerade wegen des gerin­gen Security-Bedarfs gerne gese­hen war, zwan­gen Poli­ti­ker sie zum Ver­trags­bruch. Schluss­end­lich ent­schied sich Turtle Enter­tain­ment dazu, die Ver­an­stal­tun­gen nicht zu einem poli­ti­schen Spiel­ball wer­den zu las­sen und sagte sie ab. Auf welch absur­dem Fun­da­ment die Begrün­dun­gen der Poli­ti­ker stan­den, offen­barte sich hin­ter den Kulis­sen: Nach einem nega­ti­ven Medi­en­echo kam es zu sys­te­ma­ti­schen Anru­fen bei allen iFNG-Locations, um die dor­ti­gen Ver­an­stal­tun­gen eben­falls zu kip­pen. In zwei Städ­ten gelang das per­fide Spiel, zeigte aber gleich­zei­tig auf, dass es weni­ger um Jugend­schutz als viel­mehr um per­sön­li­che Pro­fi­lie­rung ein­zel­ner Poli­ti­ker ging.

Bei einer Mil­lio­nen Spie­ler star­ken Gemein­schaft war jedoch klar, dass dies nicht ohne Echo blei­ben würde. Mit dem Inde­pen­dent Fri­day Night Game und den ers­ten Gamer-Demonstrationen der deut­schen Geschichte regte sich Pro­test, den mit der Pira­ten­par­tei und den Grü­nen auch gleich zwei poli­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen mit­tru­gen. Und mit dem VDVC erhiel­ten Gamer in Deutsch­land zum ers­ten mal ein orga­ni­sier­tes, öffent­li­ches Sprachrohr.

Ich wähle keine Spielekiller!
Ich wähle keine
Spie­le­kil­ler!

Die games­com bekam so in ihrem Debüt-Jahr einen uner­war­tet poli­ti­schen Anstrich. Der games­com con­gress bot Poli­ti­kern und Ver­tre­tern der Games-Branche erst­ma­lig eine gemein­same Dis­kus­si­ons­platt­form. Hier lie­ßen einige Ent­wick­ler auch gleich Luft ab: „What’s wrong with the Ger­mans?“ — diese pro­vo­ka­tive Frage von Ger­hard Flo­rin, Mana­ger bei Elec­tro­nic Arts, beschäf­tigte die Medien noch eine ganze Weile. Doch auch auf der Messe selbst war Poli­tik all­ge­gen­wär­tig: Die Jun­gen Pira­ten sowie die Junge Union dis­ku­tier­ten Jugend­schutz und Medi­en­po­li­tik an eige­nen Info­stän­den und viele Mes­se­be­su­cher lie­ßen es sich nicht neh­men, ihre eige­nen poli­ti­schen Bot­schaf­ten offen her­um­zu­tra­gen. „Ich wähle keine Spie­le­kil­ler“ war wohl das häu­figste T-Shirt-Motiv auf der gan­zen Messe. Mit Hilfe der ESL hat­ten auch VDVC-interessierte Mes­se­be­su­cher eine Anlauf­stelle, wäh­rend der neue Ver­band mit Fly­ern kräf­tig um neue Mit­glie­der warb.

Und in die­sem Jahr?
Trotz des für eine Entertainment-Messe gro­ßen Zuspruchs bezüg­lich der poli­ti­schen Info­stände wird es die­ses Jahr keine geben. Der BIU schloss im Gegen­satz zum letz­ten Jahr kate­go­risch eine Betei­li­gung poli­ti­scher Par­teien und Jugend­or­ga­ni­sa­tio­nen aus — diese pass­ten nicht ins Mes­se­kon­zept, so der Ver­an­stal­ter. Doch nicht nur den poli­ti­schen Jugend­or­ga­ni­sa­tio­nen wird die Teil­nahme ver­wehrt, auch der VDVC hatte es schwer, über­haupt eine Prä­senz auf der Messe zu bekom­men. Wohin also will die games­com? Hin zur rei­nen Konsum-Messe? Tat­säch­lich bie­ten Kultur-Festivals wie das Living Games Fes­ti­val in Bochum oder die Next Level Con­fe­rence in Köln inter­es­san­tere Ein­bli­cke in die Spie­ler­szene und über­ra­schen mit eini­gen Acts sogar noch alt­ein­ge­ses­sene Gamer. Die Podi­ums­dis­kus­sio­nen des Living Games Fes­ti­vals über den kul­tu­rel­len Wert von Spie­len wären unter­des­sen für Kri­ti­ker ein wah­rer Augen­öff­ner. Doch schaf­fen jene Fes­ti­vals es nicht, eine der­art breite Öffent­lich­keit wie eine games­com zu errei­chen. Bedient die games­com etwa nur den „stump­fen Kon­su­men­ten“, um die Worte von LiGa-Chef Ste­phan Reich­art zu ver­wen­den? Die Erfah­rung am letzt­jäh­ri­gen Info­stand der Jun­gen Pira­ten lässt das Gegen­teil ver­mu­ten: Sel­ten war ein poli­ti­scher Info­stand der Pira­ten so stark von dis­kus­si­ons­freu­di­gen Jugend­li­chen besucht.

Dass Com­pu­ter­spiele, Kul­tur, Poli­tik und Gesell­schaft eng mit­ein­an­der ver­wo­ben sind, ist der games­com jedoch nicht fremd: Der dies­jäh­rige games­com con­gress am Messe-Donnerstag hat das Leit­thema ‚Social Games‘ und deren Aus­wir­kun­gen auf die Gesell­schaft. Der Ein­tritt ist kos­ten­los, es ist jedoch eine Anmel­dung per Fax erfor­der­lich. Iro­ni­scher­weise bleibt der games­com con­gress so rela­tiv exklu­siv und der wich­tigste Bestand­teil von Social Games — näm­lich die Spie­ler selbst — blei­ben bei die­sem Ange­bot rela­tiv außen vor. Hier bot die Leip­zi­ger Games Con­ven­tion noch inter­es­sante Ange­bote für die fla­nie­ren­den Mes­se­be­su­cher in Form von offen plat­zier­ten Diskussionspodien.

Bundeswehr auf der GamesCom
Bundeswehr

Es stellt sich also die Frage: Quo vadis, games­com? Fin­det hier eine sinn­volle Abgren­zung zur dama­li­gen Games Con­ven­tion statt oder wird gerade auf ihre eins­ti­gen Stär­ken ver­zich­tet? Im gerade mal zwei­ten Jahr der games­com darf man wohl noch von einer Selbst­fin­dungs­phase spre­chen und auch die Gamer-Community ist sich im direk­ten Ver­gleich bei­der Mes­sen nicht einig. Eine Kurio­si­tät bleibt am Ende jedoch übrig: Wäh­rend Jugend­po­li­tik und Gamer-Verbände offen­bar schwer mit dem dies­jäh­ri­gen Kon­zept zu ver­ein­ba­ren sind, steht aus­ge­rech­net die Bun­des­wehr wie­der auf der Ausstellerliste.


Dank an Pirate Gaming für die­sen Arti­kel! Das Ori­gi­nal ist hier zu finden.