Am kom­men­den Sams­tag fin­det in Ber­lin wie­der die Demons­tra­tion „Frei­heit statt Angst“, orga­ni­siert von einem Bünd­nis aus Par­teien, Bür­ger­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen et al., statt. INDECT, ACTA & Co zei­gen es: Staat­li­che Über­wa­chung ist und wird wei­ter­hin ein Pro­blem sein. Und auch wenn ich selbst für mich bean­spru­che, dass meine Daten offen sein dür­fen, bin ich der Ansicht, dass Men­schen selbst dar­über ent­schei­den kön­nen sol­len. Gerade bei staat­li­chen Maß­nah­men ist das aller­dings eigent­lich nie gegeben.

Freiheit statt AngstAuch die Pira­ten, im letz­ten Jahr vor allem durch Flag­gen­schwen­ken, Techno-Truck und einen Man­gel an Inhal­ten auf­ge­fal­len, wer­den wie­der mit dabei sein. Span­nen­der sind aber die Jun­gen Pira­ten die sich im Vor­feld mit eini­gen rele­van­ten The­men aus­ein­an­der gesetzt haben: Mit der Bil­dungs­card und der Schüler-Datei, die zur Zeit in Ber­lin in der Dis­kus­sion ist.

Die Bil­dungs­card ist das neue popu­lis­ti­sche Pro­jekt der Bun­des­ar­beits­mi­nis­te­rin. Dass Kin­der von Hartz-IV-Beziehern im Bil­dungs­be­reich durch Man­gel­ver­sor­gung kon­se­quent schlech­ter behan­delt wer­den, kommt so lang­sam auch in der Regie­rung an. Was wohl auch an dem ent­spre­chen­den Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts liegt. Aber da Hartz-IV-Empfänger, wie ja jeder mit aus­rei­chend Vor­ur­tei­len zu glau­ben weiß, ihr Geld sowieso nur für bil­li­gen Alko­hol und Stopf­ta­bak aus­ge­ben, kann man sol­chen Men­schen ja nicht ein­fach mehr Geld für die Bil­dung ihrer Kin­der geben. Statt­des­sen muss man das mit Gutschein-Modellen machen…

Des­halb sol­len die Kin­der von Hartz-IV-Empfängern nach den Träu­men des Bun­des­ar­beits­mi­nis­te­ri­ums bitte Chip­kar­ten bekom­men. Mit die­sen sol­len sie sich dann Musik­schu­len, Volks­hoch­schu­len aber auch den Zoo-Besuch etc. leis­ten kön­nen. Neben der ganz offen­sicht­li­chen Dis­kri­mi­nie­rung („Schau mal, der muss mit der Karte zah­len, des­sen Eltern sind faule Arbeits­lose“) über­geht man damit auch gleich das Erzie­hungs­recht der Eltern. Was ja gewollt ist, denn der gemeine Hartz-IV-Bezieher weiß ja offen­sicht­lich nicht, was gut für seine Kin­der ist… Dass man dabei all jene Kin­der ver­nach­läs­sigt, deren Eltern gerade über dem Hartz-IV-Satz lie­gen, ist da auch nur noch ein Kollateralschaden.

Ähnlich toll sind die Über­le­gun­gen der Ber­li­ner Lan­des­re­gie­rung zur Schüler-Datei. Da die Ver­wal­tung von Schü­lern ein büro­kra­ti­scher Auf­wand ist, sol­len die Daten­sätze der Schü­ler nun dezen­tral ver­füg­bar gemacht wer­den. So sol­len Schul­wech­sel erleich­tert wer­den, die Ver­tei­lung von Leh­rern soll ver­ein­facht wer­den und all so Zeugs. Aller­dings sol­len die Daten nicht nur für die Schu­len, die bei einem Schul­wech­sel Inter­esse daran haben, son­dern für eine ganze Reihe von Behör­den ver­füg­bar gemacht wer­den. So sol­len auch Poli­zei, Jugend­äm­ter, die Bewäh­rungs­hilfe, Gesund­heits­be­hör­den und einige andere Stel­len Zugriff auf die Daten bekom­men. Unter den Daten nicht nur rele­van­tes Zeug wie Name, Adresse etc. son­dern auch Dinge wie besuchte Förderungsmaßnahmen.

Klingt bedenk­lich. Oh ja. Wahl­lo­ser Zugang von Behör­den auf sol­che Daten ist nicht nur an sich pro­ble­ma­tisch, son­dern birgt erst recht die Gefahr von Leaks. Und durch die Ein­füh­rung durch den Staat hat auch kein Schü­ler die Mög­lich­keit, sich dage­gen zu weh­ren. In Bran­den­burg gibt es mit der Schüler-ID Pläne ein ähnli­ches Sys­tem ein­zu­füh­ren, Bay­ern hat mit den Stim­men von CSU und FDP eine leicht ent­schärfte Ver­sion bereits ver­ab­schie­det. In Nordrhein-Westfalen wur­den ver­gleich­bare Bestre­bun­gen nach Beden­ken der Lan­des­da­ten­schutz­be­hörde erst ein­mal eingestellt.

Auch 2010 gibt es also gute Gründe, die Frei­heit statt Angst zu besu­chen. Man sieht sich also am Sams­tag in Berlin.


Gast­bei­trag von Gedan­ken­stü­cke


Bild: CC-BY Jür­gen Bro­cke